Sebastian Turner: Lokaljournalismus in der Krise?

Die Folgen der Corona-Krise haben den Druck auf Verlagshäuser erhöht, neue Ansätze zur Monetarisierung zu finden. Ganz besonders trifft dies auf lokale und regionale Verlage zu. Sebastian Turner, Miteigentümer des Tagesspiegels, spricht im OMR Media Podcast von Pia Frey darüber, wie neue Angebote, Technologien und spezialisierte Nischenprodukte lokalem Journalismus helfen können, auch in Zukunft überlebensfähig zu sein. 

Die ganze Folge mit vielen weiteren spannenden Gesprächsthemen gibt es bei Spotify und Apple Podcasts.

Warum die Zukunft des Lokaljournalismus gesichert werden muss

Wenige kennen sich in der Medienlandschaft so gut aus wie Sebastian Turner. Der Miteigentümer des Tagesspiegels zählt zu den renommiertesten Fachleuten der Branche. Er gehörte unter anderem zum Gründungsteam des Magazins “Medium” im Jahr 1985 sowie von “Scholz & Friends” Dresden 1991. Seit 2014 ist er Herausgeber des Tagesspiegels und engagiert sich neben seiner publizistischen Tätigkeit als erfolgreicher Unternehmer. 2018 wählte ihn der Kress Report zum “Medienmanager des Jahres“. Nach Turners Definition ist der Lokaljournalismus das Medium, “das den Laden zusammenhält”. Er konfrontiert Menschen mit Themen und Problemen, die sie direkt betreffen. Jeder lebt in der eigenen Filterblase – die Lokalzeitung “erklärt uns zumindest die Lebenswelt unserer Nachbarschaft”. Der Ausschnitt, den das lokale Medium erzeugt, hat eine enorme gesellschaftliche Bedeutung – und schafft einen Ort, “wo Identität geschaffen wird, wo Austausch, Zusammenhalt und gesellschaftlicher Ausgleich ist”. Dies erreiche eben auch kein soziales Netzwerk wie Twitter, da gerade die Kuratierung von Inhalten den Wert für den Leser darstelle. Um so wichtiger sei es, so Turner, die wirtschaftliche Existenz der lokalen Verlage zu sichern – die sich nicht erst durch die Corona-Krise immer öfter in der Bredouille sehen.

Die Suche nach neuen wirtschaftlichen Lösungen und alternativen Erlösmodellen

Die Finanzierungsprobleme des Lokaljournalismus resultieren aus verschiedenen Problematiken. Zum einen hat sich der Werbemarkt grundlegend geändert: Früher hielt die lokale Zeitung eine regionale Monopolstellung, jetzt muss sie sich mit einem schwindenden Interesse der Werbekunden abfinden. Durch die Konzentration des Handels haben die verbliebenen Key Player kein großes Interesse, ihre Produkte im Kleinen zu vermarkten, wie es früher bei Tante-Emma-Läden der Fall war. Sie adressieren ihre Zielgruppen eher über Google oder Facebook oder in überregionalen Zeitungen. Zweitens sinken die Auflagen von Print-Zeitungen seit Jahren. Corona hat diesen Trend massiv beschleunigt. Durch diese und weitere Gründe sind Anzeigenerlöse um ca. 80% eingebrochen. Um dem entgegenzuwirken, gibt es laut Turner kein Allheilmittel; vielmehr müsse jedes Medium eigene Strategien entwickeln.

Die Strategie des Tagesspiegels

Um noch genauer auf die Leserschaft einzugehen, verfolgt der Tagesspiegel einen sehr interessanten Ansatz, der, so Turner, bisher schon sehr gut funktioniert habe. Das Team des Tagesspiegels stellte sich die Frage, wie man die Metropole Berlin in Interessengruppen unterteilen kann, um diese Nischen mit spezialisierten Angeboten erreichen zu können. Dabei schaute man nicht auf die diversen Kieze – Charlottenburg, Prenzlauer Berg oder Moabit. Stattdessen definierte die Redaktion und der Verlag die Stadt in Interessengruppen: Medizin, Wissenschaft, Digitalwirtschaft, Kulturwirtschaft, Politik und Verwaltung. In jeder dieser Branchen arbeiten laut Turner jeweils hunderttausende Menschen. Jeder dieser Menschen solle sich mit seinen spezifischen Interessengebieten im Tagesspiegel und dessen Produkten (Magazin, Website, etc.) wiederfinden können und täglich relevante Artikel finden können. Dies sei jedoch kein Ansatz, der für eine Zeitung aus einer Kleinstadt in Frage käme. Daher sollte man auch über die Frage sprechen, ob eine staatliche Subventionierung der richtige Ansatz wäre, dem Lokaljournalismus auf die Sprünge zu helfen.

Sollten Lokalmedien staatlich subventioniert werden (oder wäre dies das Ende ihrer Unabhängigkeit)?

Hat der Staat eine Verpflichtung, Lokaljournalismus zu fördern? Bei dieser Frage müsse man, so Turner, abwägen. Einerseits ist der lokale Journalismus so relevant, dass über öffentliche Finanzierung nachgedacht werden muss. Andererseits bestehe aber auch die Gefahr, sich abhängig zu machen. Das öffentlich-rechtliche System in Deutschland sei jedoch ein gutes Gegenbeispiel. Wichtig sei das System der “Checks and Balances”, das gerade in Deutschland gut funktioniere. Dadurch, dass es eben auch privat finanzierte Medien gibt, entsteht ein Gleichgewicht, das sich gegenseitig überprüft und es in eine Balance bringt. Trotzdem müsse man, so Turner, bei staatlicher Subventionierung immer auch achtsam sein. Er schlägt daher einen anderen Lösungsansatz vor, der von direkten staatlichen Zuwendungen absieht – der “Arbeitnehmergutschein, im Finanzjuristendeutsch der ‘steuerfreie Sachbezug für Arbeitnehmer”. Mit diesem “kann ein Arbeitgeber jeden Monat 44 Euro als Gutschein steuer- und abgabenfrei drauflegen, damit seine Beschäftigten ins Fitnessstudio gehen oder Waren einkaufen”, erklärt Turner in einem Gastbeitrag im Spiegel. Dieser könne und solle laut Turner auch auf den Lokaljournalismus angewendet werden.

“Die nächste Generation des Journalismus werden Informatiker sein”

In Zukunft werden neue Technologien und die Digitalisierung den Journalismus noch tiefgreifender verändern als bisher. Den Turning Point vergleicht Turner mit der Erfindung der Druckmaschine – und der Macht, die von derjenigen Person ausging, die damals die besagte Maschine besaß. Waren die Führungskräfte in den Anfangsjahren des Journalismus die Druckmaschinenbesitzer, werden diese Rolle in naher Zukunft Informatiker einnehmen, ist sich Turner sicher. Im Hinblick darauf gründete Turner im Jahr 2019 die Trafo Media Tech GmbH. Hier sollen in der Synergie von Technologie und Journalismus neue Ideen entstehen – in Form eines Innovation-Hubs. Der konkrete Output ist noch ungewiss. Dies trifft zum einen auf den Werbemarkt zu, zum anderen aber auch auf die Möglichkeit der Kommunikation mit den Lesern. Im Austausch mit seiner Leserschaft zu stehen, wie es zum Beispiel ein Tool wie Opinary ermöglicht, sei sehr wertvoll für ein Medium – denn “auch die allerbeste Redaktion der Welt kann nicht so klug sein, wie die Summe ihrer Leser”.

Pia FreyCo-Founder