Swantje Dake & Anita Zielina:
Wie wichtig sind MentorInnen für die Karriere?

Welchen Stellenwert MentorInnen haben, können Swantje Dake und Anita Zielina aus eigener Erfahrung bewerten. Mittlerweile sind die beiden auf unterschiedlichen Kontinenten jeweils in Führungspositionen beschäftigt; früher arbeiteten sie zusammen beim stern. Dort erkannte Anita Zielina als Online-Chefredakteurin Swantje Dakes Potential und förderte sie. Ob es diese Personen in einer Karriere zwangsläufig geben muss, und ob bzw. wie man sich MentorInnen suchen sollte, darüber sprachen die beiden im OMR Media Podcast mit Pia Frey.

Die ganze Folge gibt es auf Spotify und Apple Podcasts.

Swantje Dake: Seit 2015 Digital-Chefredakteurin von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Zuvor arbeitete beim stern, zuletzt als Leiterin der Nachrichtenredaktion von stern.de.

Anita Zielina arbeitet als Director of News Innovation and Leadership an der Craig Newmark Graduate School of Journalism der City University New York. Zuvor war sie unter anderem beim stern und der NZZ in leitenden Positionen.

Wie wichtig sind Förderung und Mentoring für die Karriere in der Medienbranche?

Laut Anita Zielina ist das Erkennen und Fördern von Talenten eine der Kern-Aufgaben jeder Führungsperson mit Personalverantwortung. Dass das nicht immer dem Rollenverständnis aller Führungskräfte entspricht, hat sie selbst am Beispiel von ChefInnen erfahren, die mehr mit sich selbst und mit den Zahlen beschäftigt waren.

Muss man auf den Zufall hoffen, um erkannt zu werden und Mentoren zu finden?

Zu hoffen und darauf zu warten, dass das eigene Talent schon irgendwann von der richtigen Person erkannt wird, funktioniere nicht, so Swantje Dake. Führungspersonen arbeiten oft mit großen Teams und Gruppen zusammen, weswegen es äußerst schwierig ist, alle Teammitglieder individuell zu fördern. Man müsse selbst dafür sorgen, erkannt zu werden, indem man potentiellen MentorInnen zu verstehen gibt “Hier bin ich und ich kann etwas!”. Dabei sei es völlig in Ordnung, um Unterstützung zu bitten, nur die Initiative dazu müsse man selbst ergreifen.

Anita Zielina hat in ihrer Führungsposition beim stern die Erfahrung gemacht, dass häufig männliche Kollegen die Initiative ergreifen, mehr Verantwortung übernehmen zu wollen, häufig auch dann, wenn sie noch nicht die entsprechende Qualifikation mitbringen. Frauen hingegen, die das notwendige Potential mitbringen, fehle oft das Selbstbewusstsein. Ein solches Beispiel ist die Mentee-Mentorin-Konstellation von Swantje Dake und Anita Zielina: Letztere hat bei Swantje Dake das Talent zur Teamführung und zum Projektmanagement erkannt und ihr deutlich gemacht, dass sie ihr eine Führungsposition zutraut. Swantje Dake selbst war sich dessen selbst bis zu dem Zeitpunkt nicht bewusst und betont, dass sie von alleine nicht auf die Idee gekommen wäre, sich für die Stelle zu bewerben. Grundsätzlich sei also von Seiten der Frauen ein bisschen mehr Selbstbewusstsein angebracht, es bedarf aber auch ChefInnen, die deutlich machen “Ich traue dir das zu und ich bin für dich da”.

Selbstverständnis und Geschlecht – Hat sich etwas verändert?

Die Gesellschaft verändert sich und mit ihr auch das Selbstverständnis der Geschlechter, was vor allem bei den Jüngeren in der Medienwelt zu erkennen ist. Während Frauen immer selbstbewusster auftreten, übernehmen Männer inzwischen auch andere Rollen. Swantje Dake macht das unter anderem am Beispiel der Familienplanung in ihrem Team fest – Mitarbeiterinnen, die in Elternzeit gehen, machen bereits vorher deutlich, dass sie schnellstmöglich wieder in ihren Beruf zurückkehren wollen und erhalten dafür auch häufig Unterstützung ihrer Partner. Im Team von Swantje Dake sind zudem MitarbeiterInnen aller Altersgruppen zu finden, was durchaus manchmal zu Spannung führt. Diese Reibung sei aber nichts Schlechtes, so Dake. In dem “Kulturkampf”, der in vielen Häusern herrsche, könne man sich als junge, digitale Frau mit ehrgeizigen Zielen aber durchaus auch “Wunden und Narben” zuziehen.

„Man muss sich von der Idee verabschieden, dass MentorInnen zwangsläufig Vorgesetzte sind!“

Auf die Frage, ob sie selbst noch FörderInnen haben, betont Anita Zielina: „Man muss sich von der Idee verabschieden, dass MentorInnen zwangsläufig Vorgesetzte sind.“
Sie selbst schätzt es, ein Netzwerk an Menschen um sich zu haben, die alle in Ihren verschiedenen Tätigkeiten bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten aufweisen, die für Anita Zielina sehr beeindruckend sind und sie inspirieren. Ein solches Netzwerk zeichnet sich vor allem durch gegenseitige Unterstützung aus. Im Laufe einer Karriere werde dieses Netzwerk immer größer und diverser – stellt Anita Zielina fest.

Für Swantje Dake ist es darüber hinaus wichtig, Input auch von Führungspositionen aus anderen Branchen zu erhalten. Dabei könne man oft die Beobachtung machen, dass die Branchen doch oft sehr ähnlich funktionieren und “mit den gleichen Transformationen beschäftigt sind, sodass man sich viel abgucken und sich gegenseitig unterstützen kann.”

Implizites vs. explizites Verhältnis

Sheryl Sandberg empfiehlt in ihrem Buch “Lean in” direkt auf MentorInnen zuzugehen und diese zu fragen: “Do you want to be my mentor?” Diese Art der expliziten Mentor-Mentee-Konstellation ist im deutschsprachigen Kulturraum eher weniger anzutreffen, hier ergeben sich solche Verhältnisse eher implizit.

Bei impliziten Mentor-Mentee-Verhältnissen sieht Anita Zielina die Gefahr, dass diese Personen bevorzugen, die sich schon an einem Punkt in ihrer Karriere befinden, sich zu trauen, Initiative zu ergreifen und aktiv nach einem Mentor zu suchen. Es handele sich dabei um eine Art “exponentielles Wachstum, wenn man schon ein einigermaßen gutes Netzwerk hat.” Gerade, wenn es um Diversität geht, sei es aber wichtig, mit expliziter Förderung zu arbeiten, da sonst der noch unsichere Nachwuchs Gefahr läuft, keine MentorInnen zu finden. Dagegen müsse man laut Anita Zielina aktiv arbeiten.

Deutschland vs. USA

Auf die Frage, ob es im Bereich der Förderung von Nachwuchs kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und den USA gibt, führt Anita Zielina an, die deutliche Erfahrung gemacht zu haben, dass im Allgemeinen die Personalentwicklung, aber auch Führungskräfteentwicklung, Mentoring und Diversity in den USA einen höheren Stellenwert haben, als im deutschsprachigen Verlagswesen. Große und moderne Häuser in den USA haben eigene Abteilungen zur Organisationsentwicklung, die sich intensiv mit diesen Themen auseinandersetzen und ihre Mitarbeiterinnen schulen. In Deutschland liegt diese Verantwortung vor allem im HR Bereich, dessen Fokus in der Regel eher auf das operative Geschäft gerichtet ist. Aktive Organisations- und Personalentwicklung sei in vielen deutschsprachigen Verlagen und Medienunternehmen noch verbesserungswürdig, so Anita Zielina.

“Kulturveränderung passiert nicht ohne Schmerzen”

Anita Zielina

Problem: Konkurrenz? Wer könnte einem die Butter vom Brot nehmen?

Was kann man tun, um ein Umfeld zu schaffen, in dem man sich gegenseitig nach vorne schubst? Swantje Dake zeigt sich optimistisch über die Entwicklung, dass die nächste Generation, die in Redaktionen erste Führungsaufgaben übernimmt, völlig anders zu Themen wie Kultur, Work-Life-Balance und Mentoring denkt, als es noch vor beispielsweise 20 Jahren der Fall war. Anfang 30-Jährigen aller Geschlechter sei es tendenziell wichtig, Zeit mit Ihren Familien verbringen zu können und suchen aktiv nach Möglichkeiten der teamübergreifenden Weiterbildung.

Diese Entwicklung der Kulturveränderung ist jedoch nicht konfliktfrei, da sie im Gegensatz zur noch klassischen, hierarchischen Arbeitskultur steht, die noch immer in den Führungsetagen der Redaktionen zu finden ist.

Sebastian SelterNewsroom Partnerships